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Sommer - Interview

Gewaltschutzteam an Kliniken - eine Evaluation der Praxis

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Nina Bartels

Nina Bartels ist examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und seit zehn Jahren auf einer interdisziplinären Intensivstation in Berlin tätig. In der Coronazeit hat sie berufsbegleitend ein Studium an der Alice-Salomon Hochschule begonnen und 2024 den Bachelorabschluss in Management und Versorgung im Gesundheitswesen erreicht. Daran anschließend absolvierte sie den Masterstudiengang Management und Qualitätssicherung im Gesundheitswesen. Perspektivisch möchte sie sich beruflich in Richtung Projekt- und Netzwerkarbeit im Gesundheitswesen orientieren. Besonders interessiert ist sie an Themen der Frauengesundheit, Gesundheitsförderung, Versorgungsgerechtigkeit sowie an der Unterstützung von Menschen in vulnerablen Lebenslagen. 

Für unser Interview erzählt Sie aus ihrer Masterarbeit: " Entwicklung eines Fragebogens zur Evaluation der Implementierung von Gewaltschutzteams in Berliner Kliniken".

 

KIS: Was motiviert Klinikpersonal Teil eines Gewaltschutzteams zu sein?

Nina Bartels: Die Interviews haben gezeigt, das das Thema Gewaltschutzteam zunächst oft mit gemischten Gefühlen verbunden ist. Viele Fachpersonen wissen von Anfang an, wie herausfordernd die Arbeit auf organisatorischer und emotionaler Ebene sein kann. Trotzdem habe ich bei den Interviewpartner*innen ein großes Engagement und einen starken Wunsch etwas zu verändern wahrgenommen. Viele berichteten, dass sie im Berufsalltag immer wieder mit Betroffenen von Partnerschaftsgewalt in Kontakt kamen und das Gefühl hatten, dass bessere Strukturen und mehr Unterstützung notwendig sind. Zudem besteht häufig der Wunsch, Betroffenen einen sicheren Ort zu bieten und ihnen in schweren Situationen angemessen begegnen zu können. 

Einige Interviewpartner*innen brachten zudem persönliche Erfahrungen oder Erfahrungen aus ihrem Umfeld mit. Andere beschrieben, wie sie erst im Laufe ihrer Tätigkeit für das Thema sensibilisiert wurden und dann Schritt für Schritt in diese Rolle hineingewachsen sind.

KIS: Was hilft bei der Implementierung von Gewaltschutzteams in Kliniken?

Nina Bartels: Die erfolgreiche Implementierung der Gewaltschutzteams hängt von mehreren Faktoren ab. Besonders wichtig ist die Unterstützung durch die Klinikleitung. Wenn das Gewaltschutzkonzept als Aufgabe der gesamten Einrichtung verstanden und aktiv unterstützt wird, können passende Strukturen deutlich nachhaltiger aufgebaut werden. 

Außerdem braucht es klare Zuständigkeiten, Zeitressourcen und regelmäßige Fortbildungsangebote. Es wurde mehrfach betont, dass Gewaltschutz nicht einfach „nebenbei“ geleistet werden kann, sondern als fester Bestandteil der Versorgung verstanden werden muss. 

Als hilfreich wurden zudem interprofessionelle Zusammenarbeit, klare Handlungswege und eine gute Vernetzung innerhalb der Klinik beschrieben. Auch die Vernetzung mit externen Unterstützungsangeboten, beispielsweisemit Beratungsstellen, Gewaltschutzambulanzen oder psychosozialen Hilfesystemen spielen eine wichtige Rolle. Dadurch können Betroffene über den Krankenhausaufenthalt hinausbegleitet werden.

KIS: Auf Grundlage der Interviews hast du einen Fragebogen zur Evaluation der Arbeit von Gewaltschutzteams entwickelt. Der Fragebogen ist für uns als KIS sehr interessant. Wie ist der Fragebogen aufgebaut und wie können Kliniken davon profitieren?

Nina Bartels: Der Fragebogen basiert auf den Erfahrungen der Fachpersonen, die ich im Rahmen meiner Interviews befragt habe. Die Inhalte wurden also nicht theoretisch am Schreibtisch entwickelt, sondern leiten sich aus den Erfahrungen der Menschen ab, die täglich in Gewaltschutzteams arbeiten.

Inhaltlich umfasst der Fragebogen verschiedene Bereiche, die für die Implementierung und nachhaltige Arbeit von Gewaltschutzteams relevant sind. Dazu gehören beispielsweise strukturelle Rahmenbedingungen, die Unterstützung durch die Klinikleitung, interprofessionelle Zusammenarbeit, Schulungs- und Fortbildungsangebote sowie die Vernetzung mit internen und externen Kooperationspartner.

Für die Kliniken bietet der Fragebogen die Möglichkeit, den aktuellen Stand der Implementierung systematisch zu erfassen. Dadurch können Stärken sichtbar gemacht, aber auch Entwicklungsbedarfe identifiziert werden. Langfristig kann das Instrument dazu beitragen, die Qualität der Gewaltschutzarbeit zu sichern und die Weiterentwicklung bestehender Strukturen gezielt zu unterstützen. 

Mir war wichtig, dass der Fragebogen nicht nur Daten erhebt, sondern den Kliniken tatsächlich dabei hilft zu erkennen, was bereits gut funktioniert und an welchen Stellen noch Unterstützung oder strukturelle Veränderungen notwendig sind.

KIS: In Berlin wird im September gewählt, was wären deine Forderungen an die zukünftige Senatsverwaltung für Gesundheit in Bezug auf die Umsetzung der Istanbul Konvention im Gesundheitsbereich?

Nina Bartels: Für mich steht die Umsetzung der Istanbul-Konvention für die Verantwortung, Gewalt nicht nur zu behandeln, sondern ihr auch vorzubeugen und Betroffene wirksam zu unterstützen. Dafür braucht es gut vernetzte Hilfestrukturen, qualifiziertes Fachpersonal und die langfristige Absicherung von Gewaltschutzangeboten im Gesundheitswesen.

Aus den Interviews wurde deutlich, dass bereits viel Engagement vorhanden ist. Nun müssen die strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden, damit dieses Engagement nachhaltig wirken kann und allen Betroffenen ein gleichberechtigter Zugang zu Schutz und Unterstützung ermöglicht wird, unabhängig von Wohnort, Geschlecht oder sozialer Situation.