Ansprechen
Betroffene von häuslicher und sexualisierter Gewalt suchen häufig Einrichtungen der Gesundheitsversorgung auf – entweder direkt nach einer Gewalterfahrung oder aufgrund langfristiger Folgen.
Niedergelassene Praxen oder Notaufnahmen sind oft die wenigen Orte im Alltag von Betroffenen, die sie allein und ohne die Täter*innen aufsuchen können.
Erfahrungen aus der Beratung und Studien zu sexualisierter und häuslicher Gewalt zeigen: Betroffene sprechen sehr lange mit niemandem über ihre Gewalterfahrungen. Scham Angst vor der gewaltausübenden Person und die Sorge, vom Gegenüber nicht verstanden zu werden, hindern sie daran, Unterstützung zu suchen.
Barrieren beim Ansprechen
Über Gewalt zu sprechen, fällt häufig schwer. Mögliche Gründe dafür sind:
- Angst, der Person zu nah zu treten
- Sorge, die Situation zu verschlimmern oder die Person zu retraumatisieren
- Befürchtung, „die Büchse der Pandora“ zu öffnen
- Mangel an Zeit, Wissen oder Kompetenz
Ansprechen ist wichtig!
Wenn Sie wahrgenommene Anzeichen von Gewalt ansprechen, signalisieren Sie Vertrauen. Sie bieten den Betroffenen einen sicheren Raum, in dem sie über die erlebte Gewalt sprechen können – damit öffnen Sie die Tür für weitere Unterstützung.
Damit das Gespräch gelingt, sollten Sie folgende Eckpunkte beachten:
Parteilichkeit
Das Prinzip der Parteilichkeit basiert auf der Annahme, dass strukturelle Benachteiligungen – insbesondere von Frauen, Lesben, trans*, inter* und nicht-binären Personen – geschlechtsspezifische Lebensrealitäten schaffen und zu vulnerablen Lebenssituationen führen können. Beispiele sind ökonomische Abhängigkeit innerhalb einer Beziehung oder ein Aufenthaltstitel, der an die Ehe gebunden ist.
Parteilichkeit ist eine (feministische) Haltung!
Sie setzt Grundwissen über Gewaltdynamiken und verschiedene Gewaltformen sowie deren Folgen voraus. Parteilichkeit ist eine Beratungshaltung, die einen achtsamen Umgang mit Betroffenen zum Ziel hat. Das bedeutet: Betroffenen aktiv zuhören, ihre Erfahrungen anerkennen und ihnen Glauben schenken – vor allem dann, wenn sie selbst ambivalent sind. Aussagen der Betroffenen nicht infrage stellen, Bedürfnisse ernst nehmen, bedarfsorientiert handeln. So können Sie Vertrauen schaffen – das kann für Betroffene der erste Schritt sein, in der schweren Lebenssituation etwas verändern zu wollen und daran zu glauben, dass dies möglich ist.
Reflexion eigener Geschlechterbilder
Reflektieren Sie Ihre eigenen verinnerlichten Geschlechterrollen: Was habe ich über Geschlechter gelernt? Welche Bilder und Geschlechterstereotype habe ich im Kopf? Warum wird Betroffenen häufig nicht geglaubt?
Akzeptanz und Selbstbestimmung
Es ist wichtig, dass Sie gut zuhören und akzeptieren, was Ihnen mitgeteilt wird. Die betroffene Person entscheidet, wie es weiter geht. Gewalt bedeutet immer eine Grenzüberschreitung und Kontrollverlust, die Einschränkung der eigenen Handlungsfähigkeit. Diese Handlungsfähigkeit gilt es wieder zu aktivieren.
Tipps: Respektieren Sie die Aussagen der Betroffenen, üben Sie keinen Druck aus und signalisieren Sie: „In diesem Gespräch geht es darum, was Sie wollen.“
Akzeptanz vs. Sorge
Es werden Situationen auftreten, in denen Ihnen Akzeptanz schwerfällt. Zu groß ist die Sorge um die Sicherheit der Betroffenen – zu prekär scheint die Situation der Kinder. Teilen Sie Ihre Ambivalenz offen mit.
Schweigepflicht und Privatsphäre
In medizinischen Berufen gilt Schweigepflicht. Informieren Sie die betroffenen Personen zu Beginn des Gesprächs darüber – das schafft Vertrauen. Führen Sie das Gespräch in ruhiger Umgebung unter vier Augen. Angehörige oder Freund*innen sollten nicht anwesend sein (auch nicht als Übersetzer*innen). Prüfen Sie, welcher Raum in Ihrer Einrichtung geeignet ist oder schaffen Sie anderweitig Privatsphäre zur Ansprache der betroffenen Person.
Kommunikationshilfen
Nutzen Sie einfache Sprache, kurze Sätze und verständliche Formulierungen. Kommunikationshilfen wie Bilder, Piktogramme oder Dolmetscher*innen (inklusive Gebärdensprache) als Kassenleistung können hilfreich sein. Sollten Sie mit künstlicher Intelligenz arbeiten, achten Sie auf Datenschutz.