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Fachtage

Was ist bei den Nachbarn los? Perspektiven auf Gesundheitsversorung nach häuslicher und sexualisierter Gewalt

Geschlechtsbezogene Gewalt ist ein globales Phänomen, das insbesondere Frauen
und Mädchen weltweit besonders stark betrifft. Laut der Agentur der Europäischen
Union für Grundrechte (FRA) hat in Europa jede dritte Frau körperliche oder
sexualisierte Gewalt erfahren. Betroffene kommen mit Blutergüssen, Nasenbrüchen
oder Verbrennungen in Kliniken und Arztpraxen. Sie leiden unter posttraumatischen
Belastungsstörungen, Depressionen sowie infolge sexualisierter Gewalt unter HIV-
Infektionen oder ungewollten Schwangerschaften. Der Gesundheitsbereich in
Deutschland ist bislang nicht ausreichend darauf ausgerichtet, Betroffene nachhaltig
zu unterstützen. 

Wie unsere Nachbarländer: Schweiz, Österreich und Frankreich mit den Herausforderungen umgehen, die
damit verbunden sind, haben wir am Freitag den 12. Juni  im Refugio - Neukölln erfahren. 

Forensic Nursing: Neue Aufgabe für Pflegende Dokumentieren nach Verletzungen und rechtliche Grundlagen - Dr. Julian Mausbach

Dr. Julian Mausbach analysiert das deutsche Recht im Hinblick auf die Einführung von Forensic Nursing im Gesundheitssystem und kommt zu einem klaren Ergebnis: Einer Implementierung, wie sie in der Schweiz bereits vollzogen ist, steht juristisch nichts im Wege. 

Die rechtliche Grundlage sieht er im Sozialgesetzbuch, konkret in den Regelungen zur vertraulichen Spurensicherung (SGB V § 27 und § 132). Zwar sind forensische Tätigkeiten grundsätzlich Ärzt*innen vorbehalten, können jedoch delegiert werden. Ziel ist dabei keine pflegerische Parallelstruktur, sondern eine sinnvolle Arbeitsteilung – wie sie im klinischen Alltag ohnehin bereits gelebte Praxis ist.

Eine Forensic Nurse verfügt über eine rechtsmedizinische Weiterbildung und ist damit qualifiziert, vertrauliche Spurensicherungen durchzuführen. Sie berät Betroffene zu strafrechtlichen Möglichkeiten und psychosozialen Unterstützungsangeboten, sowie Schutzunterkünften. Besonders betont Mausbach die beratende Funktion: Betroffene werden über ihre Einwilligung in die Spurensicherung sowie über die Weitergabe der Dokumentation an Behörden aufgeklärt.

Die Einwilligung der Patientinnen ist dabei eine zentrale Voraussetzung. Ebenso gilt die Schweigepflicht als wesentliche Vertrauensbasis in der Arbeit mit Gewaltbetroffenen. Ob Daten an Behörden weitergegeben werden, entscheidet ausschließlich die betroffene Person selbst – nicht Ärzt*innen oder Anwält*innen. 

Gewaltschutz ist Teamarbeit! Das Kompetenzzentrum an den Tirol Kliniken - Anna Pfeiffer, Patrick Zechner & Anna Aglan

Bereits 2011 erkannte der österreichische Gesetzgeber, dass Gewaltschutz an Kliniken nur im Team gelingen kann. Daher wurden Opferschutzgruppen bundesweit gesetzlich verankert. Ihre Aufgabe: häusliche und sexualisierte Gewalt frühzeitig erkennen und Kolleg*innen zu diesem Thema schulen.

Der Vortrag von Anna Pfeiffer, Patrick Zechner und Anna Aglan beleuchtet die Geschichte der ersten Opferschutzgruppe, die 2012 an den Tirol Kliniken gegründet wurde und heute im Kompetenzzentrum Gewaltschutz aufgegangen ist. Die drei Referent*innen waren selbst in der Opferschutzgruppe aktiv und berichten über den Kampf um bezahlte Stellen, die nötigen Ressourcen sowie die Entscheidung, ein eigenes Kompetenzzentrum zu gründen.

Wie produktiv diese Arbeit ist, zeigte sich in der Pandemie: Das Team entwickelte ein Codewort-System, das Betroffenen trotz erschwerter Bedingungen Zugang zu Schutz und medizinischer Versorgung ermöglichte. Patient*innen, die Hilfe suchten, sagten schlicht: „Ich habe einen Termin bei Dr. Viola."  Mit dem Codewort war für  die Klinik-Angestellten klar, was die nächsten Schritte sind, um die die Betroffene zu unterstützen.

Interdisciplinary care for survivors of gender - based violence Violette Perrotte

Violette Perrotte ist überzeugt: Die Eröffnung für ein Maison des Femmes auch in Berlin und an anderen Orten möglich. Denn überall gibt es Pflegekräfte, Ärzt*innen, Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen und die sind die Basis ihrer Organisation. 

Die Geschichte des Maison des Femmes in St-Denis- Paris beginnt 2016 mit Dr. Ghada Halem. Als Leiterin der Geburtshilfe am größten öffentliches Krankenhaus in St-Denis erkannte sie, dass geschlechtsbezogene Gewalt ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellt. Ihrer Überzeugung nach ist eine gute medizinische Versorgung nur möglich, wenn Gewalterfahrungen systematisch in die Diagnostik einbezogen werden – ebenso selbstverständlich wie Fragen zum Alkoholkonsum. Sie gründete daraufhin das erste Maison Des Femmes: ein fachspezifisches Zentrum, in dem Betroffene geschlechtsbezogener Gewalt eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Behandlung erhalten.

Das Modell fand großen Anklang. Viele Ärzt*innen in Frankreich folgten dem Beispiel, sodass es mittlerweile 34 Zentren mit unterschiedlichen Schwerpunkten gibt. Das Haus in St-Denis behandelt unter anderem Frauen FGM/C – psychologisch wie chirurgisch, einschließlich rekonstruktiver Eingriffe. Dieses Beispiel verdeutlicht besonders eindrücklich, welchen Mehrwert ein solches Zentrum innerhalb eines Krankenhauses bieten kann.