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Besuch der Maison des Femmes in Saint-Denis – Einblicke in ein innovatives Versorgungskonzept

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MDF

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von S.I.G.N.A.L. e.V. hielt Dr. Ivo Gruev vom Europarat (GREVIO) einen Vortrag über die Bedeutung der Istanbul-Konvention für das Gesundheitswesen. Dabei stellte er das Konzept der sogenannten „One-Stop-Shops“ vor – spezialisierte Versorgungszentren, die Betroffenen geschlechtsbezogener Gewalt medizinische, psychosoziale und rechtliche Unterstützung an einem Ort bieten.

Als wegweisendes Beispiel nannte er die Maison des Femmes in Frankreich. Das Konzept weckte unser großes Interesse, da es einen umfassenden, gewaltinformierten Versorgungsansatz verfolgt. Im April hatten Mitarbeitende der KIS von S.I.G.N.A.L. e.V. die Gelegenheit, das erste Maison des Femmes im Pariser Vorort Saint-Denis zu besuchen und sich vor Ort ein Bild von ihrer Arbeit zu machen.

Das Projekt: Was ist die Maison des Femmes?

Die Maison des Femmes wurde von der Gynäkologin Ghada Hatem-Gantzer gegründet und ist auf dem Gelände des öffentlichen Krankenhauses Delafontaine in Saint-Denis angesiedelt. Es versteht sich als spezialisierte Erweiterung der stationären Gesundheitsversorgung für Betroffene geschlechtsbezogener Gewalt.

Während der regulären Öffnungszeiten erhalten Patientinnen dort eine umfassende und spezialisierte Versorgung. Außerhalb dieser Zeiten werden Betroffene zunächst im Krankenhaus aufgenommen und anschließend im Maison des Femmes weiterbehandelt.

Das Angebot umfasst unter anderem:

  • medizinische Versorgung im Bereich der sexuellen Gesundheit (z. B. STI- und HIV-Testungen),
  • Schwangerschaftsabbrüche,
  • eine Spezialsprechstunde für Betroffene von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM/C),
  • psychologische Einzel- und Gruppentraumatherapien,
  • Kunst- und Bewegungstherapie,
  • vertrauliche Spurensicherung und gerichtsverwertbare Dokumentation nach Gewalttaten,
  • Soziale Beratung vor Ort,
  • sowie eine wöchentliche Sprechstunde einer Polizeifachperson, bei der Anzeigen erstattet und Schutzmaßnahmen beantragt werden können.

Jede Patientin wird von einer Case Managerin begleitet – einer qualifizierten Gesundheitsfachperson, beispielsweise einer Pflegefachkraft oder Hebamme. Gemeinsam wird ein individueller Versorgungspfad entwickelt, der sich an den persönlichen Bedarfen orientiert. Falls weitere Fachdisziplinen benötigt werden, werden diese konsiliarisch eingebunden. So müssen Betroffene nicht selbst verschiedene Anlaufstellen koordinieren, sondern erhalten alle notwendigen Hilfen aus einer Hand. Die Begleitung dauert in der Regel zwischen sechs Monaten und zwei Jahren.

Die Maison des Femmes in Frankreich zeichnen sich insbesondere durch ihren konsequent interdisziplinären und niedrigschwelligen Ansatz aus. Medizinische, psychologische, therapeutische, sozialarbeiterische, juristische und polizeiliche Angebote sind eng miteinander vernetzt und räumlich an einem Ort gebündelt.

Ein weiterer wichtiger Baustein ist das Case Management, das Kontinuität in der Versorgung schafft und die Betroffenen langfristig begleitet. Dadurch können therapeutische Angebote mehrmals pro Woche wahrgenommen werden, ohne dass hierfür ein stationärer Krankenhausaufenthalt oder eine Krankschreibung erforderlich ist.

Beeindruckend fanden wir außerdem den Fokus auf die Gesundheit der Mitarbeitenden: Fachpersonen arbeiten nach Möglichkeit nicht in Vollzeit im Maison des Femmes, um Überlastung vorzubeugen. Regelmäßige interdisziplinäre Fallbesprechungen und supervisionsähnliche Angebote sind fest in ihre Arbeitszeit integriert und tragen zur psychischen Entlastung des Teams bei.

Mit diesem Versorgungskonzept werden in Saint-Denis jährlich rund 4.000 von Gewalt betroffene Menschen betreut.

Der Besuch hat uns nachhaltig beeindruckt. Besonders überzeugt hat uns die Selbstverständlichkeit, mit der Gewalt als eigenständiges gesundheitliches Versorgungsthema verstanden wird. Anstatt Betroffene ausschließlich entsprechend ihrer körperlichen oder psychischen Verletzungen auf unterschiedliche Krankenhausabteilungen zu verteilen, gibt es eine spezialisierte Anlaufstelle, die Gewalt- und Traumafolgen in ihrer Gesamtheit berücksichtigt.

Diese Bündelung von Kompetenzen ermöglicht eine Versorgung, die sowohl fachlich hoch spezialisiert als auch für Betroffene leicht zugänglich ist. Das Konzept zeigt eindrucksvoll, wie Gesundheitsversorgung, psychosoziale Unterstützung und Opferschutz sinnvoll miteinander verbunden werden können. 

Der Besuch der Maison des Femmes hat uns viele wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung unserer eigenen Arbeit gegeben. Besonders inspirierend ist die Idee, Gewaltbetroffene in Krankenhäusern über spezialisierte, trauma- und gewaltinformierte Strukturen zu versorgen, anstatt sie diagnosenspezifisch den medizinischen Fachabteilungen zuzuordnen.

Für unsere konzeptionelle Arbeit sehen wir darin eine wichtige Zukunftsperspektive. Wir möchten uns dafür einsetzen, dass auch in Berlin langfristig vergleichbare integrierte Versorgungsstrukturen entstehen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Sinne der Istanbul-Konvention weiter gestärkt wird. Der Besuch hat uns gezeigt, welches Potenzial in einer eng vernetzten, patientinnenorientierten Versorgung liegt – und wie sehr Betroffene davon profitieren können.

Schauen Sie sich den Vortrag von Violette Perrotte zu dem Netzwerk der Maison des Femmes in Frankreich an!